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Alle paar Monate bemerkt der Chefredakteur des SZ-Feuilleton, dass es mal wieder an der Zeit ist, etwas jugendlicher zu werden. Dann wird wie an diesem Wochenende der alternde Berufspunk Jürgen Teipel aus dem Schrank geholt, er bekommt eine Kiste Holsten und darf etwas salbadern. Auf einer viertel Seite schreibt Teipel sich dann unter obigem Titel die Welt zurecht, findet im Punk die Ursache für Harald Schmidt und South Park und vergisst nicht ausreichend sein eigenes Werk lobend zu erwähnen:

Als ich 1998 anfing, mein Deutschpunk-Sittengemälde "Verschwende Deine Jugend" zu schreiben, konnte ich gar nicht glauben, dass das noch niemand gemacht hatte. Drei Jahre lang lebte ich in ständiger Angst, dass mir doch jemand zuvorkommen könnte. Punk war hier, im Gegensatz zu England, so sehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden, dass das Projekt erst mal von 15 Verlagen abgelehnt wurde. Erst als das Buch ein Bestseller wurde, kapierte man langsam, was für ein riesiges Feld da die ganze Zeit brachgelegen hatte. Was dann leider auch mit zu der allgemeinen Retro-Pest führte, den grausigen Siebziger- und Achtziger-Jahre-Shows. Seltsam, dass der Blick zurück auf eine Zeit fällt, in der einzig und allein nach vorne geblickt wurde.

Klar, weil Teipel furzt, fängt bei RTLSat1ProKabel der Denkprozess an: hmm, das riecht angenehm teipelig, da sollten wir was draus machen, eine Retro-Show mit Boney M. zum Beispiel. Ein Beispiel für Chaostheorie (nein Herr Teipel, das hat nichts mit Punk zu tun) in ihrer reinsten Form. Nebenbei munteres Namedropping über all die coolen Altpunks und letztlich nur eine Message, die so bräsig ist, dass sie von Peter Hahne in den ZDF Spätnachrichten stammen könnte, nämlich die Aufforderung wieder etwas spontaner zu werden. Mit Veröffentlichung dieses Artikels ist das ja der SZ gelungen und für dir nächsten Wochen können wir dann wieder in Ruhe den Klavier-Kaiser lesen.
Süddeutsche Zeitung Nr.81, Samstag, den 09. April 2005 , Seite 19


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