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Tauplitzalm, ein Berghotel im März 2005. Die Zeit ist hier in den frühen 80er Jahren stehen geblieben, es ist wie Schiurlaub mit den Eltern damals. Offensichtlich wurden mehrere Renovierungsversuche am Haus gestartet, jedoch nach kurzer Zeit wieder abgebrochen. Ein sehr eigenwilliger Charme, der aber durchaus positiv wirkt. Die Gäste sind dem Hotel angemessen: eine Familie aus Wien, drei Kinder, alle im selben Trainingsanzug; zwei Frauen mit ihren zwei Kindern, grau, farblos, unbemannt; ein tschechisches Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat und Leberknödelsuppe aus den fast sauberen Tassen löffelt; ein paar Deutsche die lauter reden als alle anderen Anwesenden.
Die Zimmer spartanisch: 8qm inklusive Bad, komplett eingerichtet für Gäste, die kleiner als 1,75m sind. Das Waschbecken auf Kniehöhe, die Dusche 60cm im Quadrat, beim Bett hängen unten meine Füße raus. Aber was sind schon zwei Nächte…
Wir leben dann konsequent das Retrofeeling, bestellen am Nachmittag Würstl mit Saft und Almdudler und beobachten wie sich der Regen langsam in Schnee verwandelt. Dank Halbpension kommen wir in den Genuß eines Suppenbuffets, d.h. man nimmt sich eine Einlage (Backerbsen, Fritatten etc.) und erhält obendrauf die klare Einheitssuppe. Erinnerungen an die Obdachlosenspeisung in München sind unvermeidbar, mit dem Unterschied, dass hier im Hintergrund Strauß-Walzer dudeln. Kultur ist alles.
Erwähnen sollte ich noch den Hausherrn, eine einzigartige Erscheinung: weißes, wild vom Kopf abstehendes Haar, heller Landhauslook, der das Übergewicht nicht kaschieren kann. Er wirkt wie ein entlassener Bischof, der jetzt eine Massagepraxis betreibt. Ganz die alte Schule, ist er die Liebenswürdigkeit in Person, aber unterm Strich fehlt ein wenig Klasse. Eigentlich tragisch, wie er am Abend allein an einem Tisch neben dem Eingang sitzt, eine Flasche Wein trinkt und zur selbst ausgewählten Musik wippt. Trotzdem ist er der gute Geist, der dieses Museum für die Nachwelt erhält.


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